Das kleine Fairlanguage-Lexikon

fair sprechen.

Puh. Es mag bezüglich einiger Formulierungen ein wenig Verwirrung aufkommen. Das wollen wir natürlich nicht. Deswegen hier nochmal eine Auflistung der wichtigsten Begrifflichkeiten und Theorien, die dahinter stehen.

P.S.: Deine Frage wurde noch nicht beantwortet? Dann schreib uns!

 

 

Wie sieht das dann aus?

Der Gender-Gap

Nicht zu verwechseln mit dem Gender-PAY-Gap (die sich mit den Gehaltsunterschieden von Männern* zu Frauen* befasst).

Der Gender-Gap ist eine Form wie man im Schriftlichen UND Mündlichen alle Geschlechter sichtbar machen kann. Das heißt, in dem Wort ist sowohl die männliche Form, als auch die weibliche drin, aber durch den Gap eben auch noch Platz für alle anderen Gender-Ausdrücke.

Es gibt unterschiedliche Orte im Wort, wo sie ihren Platz finden kann: Wir bei Fairlanguage bevorzugen sie hinter dem Wortstamm, weil das so für am wenigsten Verwirrung sorgt. [Achtung, subjektive Meinung]

Das sieht dann z.B. so aus:

“Mensch, bring dich doch mal aktiv ein! Wir schätzen es unter uns Kolleg_innen total, verschiedene Perspektiven und Meinungsträger_innen zu hören!”

Das Sternchen (Starsstarsstars!! 🌟🌟🌟)

Das Sternchen funktioniert ähnlich wie die Gender-Gap. Sieht halt ein bisschen anders aus: Das Sternchen drückt dabei bildhaft die Vielzahl von möglichen Geschlechtern aus (und nicht den Platz für diese). So wie in:

“Liebe Referent*innen, wir sind ganz begeistert: Unser*e Koch*Köchin hat extra auf alle vegetarier*innen-unfreundliche Bestandteile verzichtet!”

Die Idee ist etwas anders, aber der Zweck der Gleiche. Beide werden mittels einer kleinen Pause an entsprechender Stelle verbalisiert.

Wir denken: Die beiden sind relativ austauschbar verwendbar. Und vielleicht mehr eine Gusto-Frage.

So, und jetzt noch eine Frage: Warum setzt ihr manchmal einen Stern hinter die Wörter??

Das haben wir z.B. hier gemacht: …die sich mit den Gehaltsunterschieden von Männern* zu Frauen* befasst…

Und das war natürlich Absicht. Der Gedanke ist, dass das Sternchen die Binarität aufweichen soll. Denn nicht alle als männlich “gelesene” (also von mir, mit meinem Hintergrund und meiner Erfahrung eingeordnete) Menschen, identifizieren sich so. Und trotzdem werden sie vermutlich die Vorteile der Gehaltsunterschiede spüren.

Sonstige Satzzeichen

Neben Unterstrich und Sternchen werden noch andere Satzzeichen diskutiert, die sich bislang aber noch nicht durchgesetzt haben.

Das Fusion Festival verbreitet z.B. den Doppelpunkt. Ein Weg, der das Schriftbild in seiner Ästhetik „fließender“ lässt und trotzdem den Raum für Geschlechtervielfalt lässt.

Und – ebenfalls noch nicht verbreitet genug – das: ʔ. Das ist das Zeichen des Internationalen Phonetischen Alphabets für ebendiese Lücke, die man auch bei der Gender Gap spricht – und damit eine Lösung für das Screenreading. Und als ein Fragezeichen ohne Punkt ein schöner Ausdruck für Vielfalt.

Außerdem haben wir schon von Dreiecken gehört.

Und ihr? Habt ihr noch weitere crazy Gender-Formen?

 

Die Neutralisierung

Die Neutralisierung. Ja, das ist ein etwas schwieriges Thema. Denn eigentlich ist das ja das allerbeste, wenn sprachlich einfach alles neutral und „ungeschlechtlich“ gemacht wird, oder? Und dabei auch noch am ‘klarer’ aussieht?

Ja, coole Sache. Leider ist die Welt nicht so einfach. Wie immer. Mist.

Also, Neutralisierungsformen sind z.B. die vielzitierten „Studierenden“. Oder „Fachkräfte“, „Lehrkräfte“ oder auch ganz simpel „Menschen, die…“.

Dazu gehören auch Umformulierungen, die eine explizite Benennung des Substantivs unnötig machen, wie z.B. das Passiv.

Leider, leider, ist der Kopf nicht so klug und denkt die Neutralisierung mit. Sondern er setzt mental immer noch die stereotypische Persona (meistens weiße, ableisierte Männer* – außer natürlich bei den typischen Care-Berufen) ein. Dabei schienen hier diesmal wirklich alle #mitgemeint.

Darf ich Neutralisierungen dann auch nicht verwenden? Wir denken, doch.

Es ist immer noch eine einfache Form, Gender in den Hintergrund zu rücken. Mit dem Wissen darum, dass bei den Menschen allerdings ein anderes, (meistens) männliches* Bild im Kopf entsteht – Kombiniert die Neutralisierung doch mit der Gender Gap oder dem Sternchen.

 

Wort-Hacks (das X, ein -Icon oder noch was anderes?)

Wenn alles irgendwie schon belegt ist und man sich gegen viele mentale Ideen wehren muss – warum dann nicht neue, wirklich (gender-)neutrale Form bilden?

Hier sind sie.

Das X, das man an der Wortstamm anhängt:
Die Kundx klagen bei den Richtx über die Anrede in den Formularen der Bänkx.. äh.. Sparkassen.

Die Idee fußt übrigens nicht auf unserer Kreativität. Sondern ist in der Gender-Forschung an der Humboldt-Uni Berlin entstanden. (Disclaimer: damit steht das als Kunst- und weiße Wissenschaftssprache auch teilweise in der Kritik!)

Und, noch ganz unbekannt – das -Icon als Endung (aber auch nicht unserer Kreativität entspringend! ;)):
Die Piloticons tauschen sich über die Passagicons und die Koordinatoricons im Tower aus.

Trotzdem – der Impuls ist sinnvoll. Die Umsetzung noch etwas holprig. Und man fällt auf jeden Fall auf – das Zeichen ist ziemlich deutlich. Und deutliche Zeichen finden wir gut.

 

Das Binnen-I, der Schrägstrich, das generische Femininum und die Paarform

Da bewegen wir uns wieder auf vertrautem Grund, nicht wahr? Das hat mensch schon mal gesehen!

„Die MitarbeiterInnen gingen geschlossen zu ihren Chef/-innen und beschwerten sich über das Betriebsfest, an dem einige Kellner und Kellnerinnen phasenweise, dafür aber flächendeckend Getränke mit dem Stammtisch der Fußballerinnen vertauschten.“

Fällt euch was auf? Wo sind denn plötzlich all diejenigen, die sich nicht eindeutig als Mann oder Frau einordnen?

Ja, genau. Eigentlich nicht ganz fair, oder? 🙀

Das denken wir auch. Wenn eine faire Sprache, dann auch wirklich fair. Zu allen (Gendern) eben.

 

Worüber reden wir bei "Geschlecht" eigentlich?

Geschlecht und körperliche Konstitution

Aufgepasst: Es ist wichtig zwischen der körperlichen Konstitution von Menschen (in Bezug auf Reproduktionsorgane, Hormonspiegel, Chromosome etc.) und der geschlechtlichen Identität/dem Geschlecht von Menschen zu unterscheiden.

 

Diese beiden Ebenen werden oft im Alltag miteinander eins zu eins gleich gesetzt. Das geht öfter gut, aber nicht immer.

 

Es lässt sich nicht eindeutig von der einen auf die andere Ebene schließen!

Menschenrechtskonventionen, Wissenschaft und insbesondere trans und inter Menschen wissen: Mein Geschlecht ist nicht durch meinen Körper definiert und es gibt nicht nur zwei.

 

Alles noch etwas abstrakt? In den Abschnitten hier drunter gibt es ein paar Begriffe, Zahlen und Lebensgeschichten, die das vielleicht anschaulicher machen.

Inter/inter*/intergeschlechtlich
Ein intergeschlechtlicher Mensch wird mit einem Körper geboren, der den dominanten medizinischen Standards (in Bezug auf Hormone, Genitalien, Chromosome etc.) von Mann und Frau nicht entspricht. Intergeschlechtlichkeit ist eine körperliche Konstitution - keine Krankheit! Intergeschlechtliche Menschen und ihre Existenz sind in der gesellschaftlichen Wahrnehmung leider immer noch nahezu unsichtbar. Dabei ist eins von 1000 Neugeborenen inter. Intergeschlechtlichkeit kann neben einer körperlichen Konstitution zusätzlich eine Geschlechtsidentität sein (Selbstdefinition z.B. als Zwitter, Hermaphrodit oder Intergender). Dies muss aber nicht der Fall sein. Intergeschlechtliche Menschen können ebensogut Männer oder Frauen sein. Internationale Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM / OII-Deutschland) Hier erzählen junge inter Menschen aus ganz Europa was es für sie bedeutet inter zu sein: https://www.youtube.com/watch?v=16gQDXxsnjM&feature=youtu.be (unter Einstellungen kannst du dir deutsche Untertitel einstellen!) Was bedeutet deine körperliche Konstitution und dein Geschlecht für dich? Immer mal gut da auch selber drüber nach zu denken! Egal wie wir positioniert sind und wie selbstverständlich das ist oder auch nicht. 😉
Dyadisch

Menschen, deren Körper (in Bezug auf Hormone, Genitalien, Chromosome etc.) in die medizinischen Kategorien männlich und weiblich passen. Diese Körper entsprechen der erwarteten Norm. Dyadisch sind Menschen, die nicht inter sind.

Trans/trans*/transgeschlechtlich

Menschen, die sich nicht ausschließlich mit dem ihnen bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren.
Sie können trans Männer oder trans Frauen sein (denen bei Geburt fälschlich das weibliche/männliche Geschlecht zugewiesen wurde) oder weitere Geschlechter haben, die weder Mann noch Frau sind.

Wichtig ist immer das wirkliche Geschlecht der Person zu benennen! Also, gegeben, dass ihr respektvoll sein wollt. 😉 Für manche Menschen ist "trans" ein Teil ihrer Identität, für manche binäre trans Menschen ist es mehr ein Teil ihres Weges und ihrer Vergangenheit und kein aktiver Teil ihrer Identität mehr. Sie sind dann einfach Frauen und Männer.

Cis

Menschen, die sich ausschließlich mit dem ihnen bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren, ergo Menschen, die nicht trans und/oder nicht-binär sind.


Wusstest du, dass es zuerst das Wort homo- und dann heterosexuell gab? Oft werden die Dinge, nämlich für sooo selbstverständlich genommen, dass sie gar nicht direkt benannt werden. Genauso gab es zuerst trans und dann cis, erst inter und dann dyadisch, erst nicht-binär und dann binär. Spannend oder?

 

Vielleicht fragst du dich noch: Und was bedeutet jetzt dieses binär/nicht-binär? Als nächstes kommt die Antwort.

Binär

Menschen deren geschlechtliche Identität eine der beiden gängigen zwei Geschlechter - Mann oder Frau - ist.  Auch eine trans Frau ist eine Frau und kann somit eine binäre Identität haben. Somit können trans, cis, inter sowie dyadische Menschen eine binäre Identität haben. Einfach alle Menschen, die ausschließlich Mann oder Frau sind.

Nicht-binär

Am 10. Oktober 2017 urteilt das Bundesverfassungsgericht, dass es zukünftig mehr als nur die Optionen „Frau“ und „Mann“ im Personenstand geben muss. In Argentinien, Australien, Bangladesh, Indien, Kanada, Kolumbien und anderen Ländern ist das bereits der Fall!

 

Das macht sehr viel Sinn, denn es gibt nicht-binäre Menschen, deren geschlechtliche Identität nicht eindeutig oder ausschließlich einer der beiden dominanten Kategorien Mann oder Frau entspricht.

 

Sie sind weder Mann noch Frau. Nicht-binär wird aktuell in der deutschen und auch englischen Sprache (non-binary) als eine Art Oberbegriff für eine Vielzahl an Identitäten wie genderqueer, genderfluid, agender, ... verwendet. Fazit: ‘Zwangs’ - Binarität (‚binarius‘ – lat. ‚zweifach‘) ist also out. Verzerrt die Realität. PunktAusEnde.

 

Falls du Lust hast dir Geschichten und Videos anzuschauen in denen trans, nicht-binäre und auch inter Menschen aus ihrem Leben erzählen, dann schau hier mal rein:

http://www.meingeschlecht.de/mein-geschlecht/

 

Schwirrt der Kopf ein bisschen vor neuen Worten? Alles Gewöhnungssache. Wusstest du schon: Selbst das Wort homosexuell gibt es erst seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Neue Wörter halten fit und sind es wert, damit alle und nicht nur manche Menschen ein Vokabular für ihre Lebensrealität haben.

ABER ABER ABER ABER ABER ABER ABER ABER ABER ABER ABER ABER

Was bedeutet das für den Alltag ob beruflich oder privat?

Puh. Wenn ich dann einen neuen Menschen treffe – woher weiß ich denn dann das Geschlecht? Wie spreche ich den Menschen an? Ich kann ja jetzt gar nicht mehr davon ausgehen, dass so wie ich das Geschlecht “lese”, das auch so ist, oder?

Das erscheint komplizierter als es ist. Das ist wie in allen Bereichen, in denen es um Konsens geht: Fragt am Besten nach, welche Anrede/welches Pronomen für die Person passt! Und verzichte bei Anreden an unbekannte Menschen oder Menschen deren Geschlecht du nicht kennst (Vorsicht: ein Name ist kein eindeutiges Kriterium) auf eine geschlechtliche Anrede oder Pronomen. Es gibt viele Möglichkeiten: “liebe Mitarbeitende der Firma...”, “Sehr geehrtes [setze Firmennamen ein] Team,..”, “Sehr geehrte Kund_innen” ...

Das ist doch total kompliziert zu lesen!

Hört man oft: Das stört doch total den Lesefluss und macht es schwer, Texte zu verstehen. Also die wirkliche Aussage des Texts.

Habt ihr das vielleicht auch schonmal gedacht?

Fakt ist: Diesem Thema wird sich wissenschaftlich schon angenommen, um endlich eine „faktische“ Antwort liefern zu können. Der Stand bis jetzt: Es bleibt inhaltlich ähnlich viel hängen.
Bis zu dieser Antwort und vielleicht auch noch danach, lasst es uns mal selbst durchdenken.

Erst einmal – Wir sind überhaupt kein Fan von schwierigen Texten. Merkt ihr vielleicht.

Nun ist es so, dass es viele Dinge gibt, die Texte ziemlich kompliziert machen.
Und trotzdem als notwendig angesehen werden, oder zumindest verwendet werden.

Z.B. Fremdwörter (versteht uns nicht falsch – wir lieben alle Formen von Wörtern. Aber einfacher machen die unser Leben nicht!);

ein Nebensatz, der nach dem anderen kommt, um einen anderen einzuschließen, sodass dann ein weiterer kommen kann, dem ein weiterer folgt, da dann noch einer kommt…;

oder auch kontextfreie Aussagen.

Vielleicht ist es aber gar nicht die Komplexität, die unsere Sprache lenken sollte – wenn Menschen sich ausgeschlossen fühlen (oder sich zumindest andernfalls ausdrücklich angesprochen fühlen würden) und es Alternativen gibt, die das ganz simpel ändern, was hält dich dann davon ab?

 

Und wenn ich das dann so schreibe - dann kommt das ja immer noch nicht in meiner AlltagsSPRACHE an!
Doch. Man kann die Sachen auch so sprechen.

Auch die mit den Satzzeichen in den Wörtern. Die Gender Gap und die Sternchen werden mit einer Pause gesprochen.

Also [kund|(pause)|innen]. Wir planen dazu auch mal ein Youtube-Video zu machen – das macht es dann wohl etwas klarer!  
Hmm, Sprache... Geht es nicht eigentlich um eine Veränderung des Bewusstseins und nicht nur "politische Korrektheit"?
Aaaabsoooluuut. Eigentlich geht es darum, dass in den Köpfen aller Menschen keine (patriarchalen und damit höchstwahrscheinlich diskriminierenden) Unterschiede zwischen den Geschlechtern gemacht werden. Und am besten auch keine bei verschiedener Hautfarbe, Ethnizität, Bildungsstand oder Körperformen und -Funktionen.

Super, dann haben wir ja jetzt unsere Utopie geklärt. 🙂

Jetzt mal eine Frage: Wie leicht fällt es euch andere, „schlechte“ Gewohnheiten zu verändern, wie Ernährung, Bewegung, gewisse Gedankenketten…? Ja genau. Geht so.

Und letztendlich würde das dann auch immer noch nichts in den Köpfen des Rests der Gesellschaft ändern.

Aber weißt du, worauf du relativ zeitnah einen Einfluss hast? (auch wenn das immer noch nicht die Gewohnheitshürde beseitigt)

Auf deine Sprache und Kommunikation. Und das ist so schön, weil das Wie der Sprache die Botschaft in den Zwischenzeilen transportiert. Und das reduziert das Risiko kognitiven Widerstands deutlich.

Wir nutzen also die Sprache als Instrument. Als Reallife-Hack. Quasi eine Abkürzung zu eben dieser Utopie.
Noch so ein kleines aber feines (und wichtiges) Statement:

Geschlechtliche Selbstbestimmung bedeutet für uns, dass Menschen ihre geschlechtliche Identität nur selbst kennen können und dies von staatlicher Seite sowie im sozialen Zusammenleben respektiert wird. Genauso zentral ist natürlich auch die körperliche Selbstbestimmung: Operationen und andere medizinische Eingriffe bei intergeschlechtlichen Babys/Kindern missachten diese Selbstbestimmung und müssen verboten werden.

In einem mündigen Alter jedoch sollten inter und trans Menschen auf eigenen Wunsch, Operationen und Hormonbehandlungen ohne Gutachten und Verfahren, die teuer und unmenschlich in ihrem Vergabeverfahren sind, in Anspruch nehmen können.

Fallen dir noch mehr Einwände ein? Immer her damit! 👂