Fairlanguage in der Sparkasse – #mitgemeint ist (noch) nicht #mitgesprochen

„Uuuuh, ist das kalt hier!!“ das war wohl der Satz, der an dem Freitag am häufigsten fiel.

Micha und ich waren in Kiel unterwegs. Und in Kiel wehte ein ziemlich eisiger Wind, den ich in Köln noch nicht bemerkt hatte.

Kiel, Köln, …?

Das Fairlanguage-Team hatte zwei besondere Termine. Der eine davon wurde uns vom Leben sehr kurzfristig zugespielt: nach dem Gerichtsurteil des BGH, der keine Diskriminierung darin sieht, wenn Frauen* auch weiterhin als „Kunden“ angesprochen und vor allem angeschrieben werden, begann online eine aufgeregte und emotionale Debatte von vielen Betroffenen und eben aber auch eigentlich nicht Betroffenen.

Betroffen? Nicht betroffen? Sprechen wir nicht alle die Sprache, um die sich der Dialog dreht?

Ja. Und Nein.

Auf der einen Seite ist es unglaublich wichtig, einen gesellschaftlichen Dialog zu fördern. Denn tatsächlich ist es unser aller Sprache, die zur Diskussion und im steten Wandel steht.
Auf der anderen Seite geht mit der Annahme, die Sprecher_innen würden schon alle mitmeinen, auch eine Form von Entscheidungsbefugnis mit einher. Sind es die Menschen, die gerade sprechen oder sogar die Gerichtsurteile fällen, die sprachlich ausgegrenzt werden? Vielleicht tatsächlich. Meistens aber nicht.

Und selbst wenn sie nicht ausgegrenzt würden (denn es ist ja wohl meistens keine Absicht dahinter, wohl aber wissenschaftlicher Beleg, der unterfüttert, dass gedanklich nicht alle mitgedacht werden) – wenn sie sich so fühlen, welches Recht haben andere Menschen ihnen das abzusprechen?
Darauf könnte man erwidern, dass sie sich ja so fühlen können – warum sollte das eine Verpflichtung für meine eigene Sprachverwendung darstellen? Warum sollte ich darauf achten, anders zu schreiben, mir Gedanken über geschlechtsneutrale/-gerechte Anreden machen?

Das ist ein guter Punkt. Und das kann im Einzelnen, nur jede_r für sich selbst entscheiden. Abhängig davon, ob es eine_r_m wichtig ist, gesellschaftliche Diskriminierung so gering wie möglich zu halten. Und eher Kooperation als Konkurrenz fördern möchte.

Aber die Sparkasse ist eben nicht eine Einzelne. Sondern es betrifft 224.700 Mitarbeiter_innen und gut 400 Sparkassen.
Es hat Auswirkungen auf Millionen anderer Menschen, die indirekt von einem solchen Ruck in der Sprache betroffen wären.
Es betrifft die Millionen von Kund_innen.
Und Micha. Der ist nämlich auch Kunde, bei der Förde Sparkasse in Kiel.

Und deswegen – weil es uns letztendlich alle betrifft – haben wir die Förde Sparkasse angetwittert. Und einfach mal nachgefragt, wie sie denn so zu der Debatte um #mitgemeint bzw. #vonwegenmitgemeint stehen.

Hm. Damit konnten wir noch nicht so viel anfangen.

Also haben wir nochmal nachgehakt.

Und wurden zu einem Kaffee in die Hauptfiliale in Kiel eingeladen, das ausführlicher zu diskutieren!

Das freute uns. Erst einmal, ist das natürlich eine wertschätzende Geste, wenn Nachfragen ernst genommen werden.
Und auf der anderen Seite schaffte uns das auch den Raum, mit einer großen Organisation wie der Sparkasse über unseren Service und mögliche Schnittstellen in den Interessen in Austausch zu treten.
Und auch die erste Gelegenheit das Zwischenspiel miteinander in der Öffentlichkeit mal auszutesten (das sehr angenehm war!). 🙂

Verwindet und durchgefroren (denn es war ja kalt!! ;)) kamen wir an und begannen direkt damit, uns den Raum zu gestalten (noch unbeobachtet und etwas nervös). Oh, und Micha lernte von mir, dass mein Humor etwas verschwindet, wenn ich angespannt bin.

Und dann kamen Vivien Drews und Stefan Grote, Vorstandsreferendar und Unternehmenskommunikation.
Wir empfanden die Dynamik zwischen uns als angenehm und reichten uns die Gesprächsführung regelmäßig hin und her. Es hätte uns gefreut, noch mehr Einblick in Viviens Perspektive zu gewinnen – und würden in einem zukünftigen Gespräch versuchen, ihr mehr Raum und Fokus zu geben. Weibliches* Sichtbarmachen ist ja nicht nur ne sprachlich begrenzte Theorie! 🙂

Inhaltlich

…war das Gespräch sehr interessant. Stefan (wir fahren übrigens eine recht konsequente Du-Schiene) hatte sich offenbar nicht nur mit Fragen der Gendergerechtigkeit sondern auch der Nicht-Binarität (Begriff unklar?) von Geschlecht befasst. Absoluter Pluspunkt!
Es schimmerte erst seicht und später gleißend hell durch: Veränderungen sind zäh und schleppend und brauchen von vielen Seiten Legitimation, um beschlossen zu werden (typisch große Organisationen!). Allein gut 400 Einzelunternehmen auf dieselbe Linie zu bringen ist verständlicherweise ein beeindruckendes Vorhaben.
Und meine Erfahrung in einer Bank ließ auch viel Empathie für desen speziellen Sektor aufkommen. Die Mühlen mahlen langsam in der Finanzwelt.

Und trotzdem geht es ja nicht darum, eine neue Währung einzuführen, sondern die Sprache ein wenig zu verändern. Und es geht auch nicht darum, die Idee einzelner umzusetzen, sondern darum aktiv Diskriminierung abzubauen.
Wie steht die Förde Sparkasse eigentlich zu einem Pilotprojekt?
Das wäre ja ein kleiner Anfang – ganz nach dem Motto: wenn der Berg zu groß ist, fang langsam an die Steine abzutragen.

Und es gibt tatsächlich schon Projekte, in denen neue Wege getestet werden sollen. Z.B. die Student_innen-Sparkasse, die auf das „Sie“ verzichtet und deutlich mehr Fokus auf Digitale Services anbietet.

Deswegen auch unser Vorschlag: Lasst uns doch in dieser Filiale die gendergerechte Ansprache testen.

Stefan und Vivien werden das in die Filiale hineintragen.
Wir werden euch auf dem Laufenden halten, ob die Förde Sparkasse die hitzige Diskussion nutzt oder im Sande verlaufen lässt. Und hofft, dass das Thema nicht mehr aufkommt.

Wir allerdings hoffen, dass das Thema immer und immer wieder aufkommt. 😸💪

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Tizia
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